Murmansk

Murmansk liegt nicht direkt an der Küste, sondern etwa 30 sm landeinwärts. Alle die dort waren schreiben und erzählen schreckliche Geschichten. Es besteht Lotsenpflicht. Zur Erledigung der Formalitäten werden Agenten angeheuert. Wie das genau läuft erschließt sich uns nicht. Anders als sonst müssen wir uns darum auch nicht kümmern, da RUSARC für uns alles organisieren wird. Wir nähern uns also etwas ahnungslos der Küste. Stellen als erstes fest, dass PETR 1 doch schon weitergefahren ist bis nach Murmansk. Unser Iridiumhandy klingelt, aber wir können nichts verstehen, am anderen Ende ein Rauschen sonst nichts. Evgeny schickt eine sms – wir sollen uns telefonisch melden. Na toll. Das klappt erst, als wir normalen Handynetzempfang haben. Elena gibt kurz Anweisungen durch: über VHF 16 bei „Radio 9“ melden, die seien informiert, ein Lotse für uns ist bestellt. Aber auf Kanal 16 herrscht Funkchaos. Alle quatschen durcheinander. Es gibt unzählige Meldepunkte und es ist kaum auszumachen wer gerade bei wem Meldung abgibt, auf Russisch und Englisch wild durcheinander. Irgendwann erreiche ich endlich „Radio 9“. Wir geben unsere Positionsdaten durch und die ETA für die Lotsenversatzstelle.

Wir passieren den Eingang zur Saidabucht. Zu sehen ist nichts. In der Saidabucht befindet sich ein riesiger U-Boot-Friedhof. Unter Projektleitung der EWN (Energiewerke Nord), die durch den Rückbau der Kernkraftwerke Greifswald und Rheinsberg Erfahrungen haben, wurde hier ein riesiges Freilager für ausrangierte Atomreaktoren errichtet (Fertigstellung war im Sept. 2011). 150 Reaktorsektionen sollen hier konserviert, regelmäßig kontrolliert und gelagert werden. Frühestens in 70 Jahren können die Reaktorsektionen dann demontiert werden, wie es weitergeht muss man sehen. Gelöst ist die Entsorgungsproblematik auch hier nicht. Es ist gut zu wissen, dass einige dieser tickenden Zeitbomben nun nicht mehr in gesunkenen bzw. bald sinkenden Schiffswracks vor sich hin gammeln. Die internationale Gemeinschaft der G8 Staaten und auch Norwegen haben für die Beseitigung der militärischen Hinterlassenschaften viel Geld bereitgestellt, dass Russland gerne angenommen hat. Allein Deutschland hat 1 Mrd. € bei gesteuert, 600 Mio. € davon für dieses Projekt. Trotzdem ist das Gefahrenpotential noch immer riesig. Entlang der Kola-Halbinsel und anderswo liegen weitere gesunkene Wracks und abgebrannte Brennstäbe, die einfach ins Meer entsorgt wurden. Genaue Bestandslisten fehlen….

Zum Glück ist es ruhig und der Lotse schafft es, vom Lotsenboot aus im Vorbeifahren rüber zu springen. Der Lotse begrüßt uns freundlich, stellt sich gleich hinters Steuer und fragt nach unserer Maximalgeschwindigkeit. Mit 6 kn Marschfahrt ist er zufrieden, in drei Stunden werden wir da sein. Wir sind erleichtert, alles läuft glatt. Die nächsten Stunden sitzen wir an Deck, Essen Kekse, plaudern, machen Fotos. Die felsig kargen Ufern des Kal’skiy Zaliv ziehen an uns vorbei. Überall liegen rostende Schiffswracks, wir kommen an kleineren Ortschaften und Militärstützpunkten vorbei, an ausgemusterten Atomeisbrecher und Hafenanlagen.

Um 17:45 Uhr legen wir an. An einem Schwimmsteg, neben uns Schlepper und Arbeitsboote. Vor uns liegen die PETR 1 und CORIOLIS, eine größere Yacht aus Frankreich. Um uns herum Kräne über Kräne, Berge von Kohle, Schuppen, Gleisanlagen und Waggons. Wir befinden uns im Freihandelshafen. Der Lotse verabschiedet sich. Wir sind froh, angekommen zu sein, und es war gar nicht schlimm. Dan und Elena begrüßen uns erleichtert. Sie sind 9 Stunden vor uns eingelaufen, hatten aber viel Ärger und mussten endlose Telefonate führen. Ein besserer Liegeplatz war nicht zu bekommen. Telefonisch informieren wir unsere neue Crew (Jürgen und Helga), dass wir nun da sind. Am Hafeneingang wird unsere abgestempelte Crewliste deponiert. Jeder der hier rein oder raus will muss durch den Kontrollpunkt gehen und sich ausweisen. Man läuft gut 15 Minuten bis zum Eingang, quer übers Hafengelände, durch Matsch und Kohlestaub, über Gleisanlagen und an unzähligen Gebäuden vorbei.

Victor und Jürgen helfen mir, die Abgasleitung zu reparieren

Unser Aufenthalt in Murmansk ist kurz und unspektakulär. Samstag ein kurzer Ausflug in die Stadt, Sonntag ausschlafen, einkaufen und Reparaturarbeiten erledigen. Jürgen hat Ersatzteile mitgebracht und wir ersetzen die Bierdosen durch ein solides Verbindungsstück. Das soll und wird halten!

 

Bortscht-Contest

PETR 1 wird noch einige Tage bleiben und dann weiterfahren nach Kirkenes. Wir planen um 22 Uhr abzufahren. Bis Vardö sind es gut 120 sm und Dienstag früh geht unser Flieger, die Zeit drängt. Daniel regelt alles. Aber es kommt mal wieder anders. Um 18 Uhr heißt es auf einmal „Kola-Bucht ist wegen militärischer Übungen gesperrt, Abfahrt frühestens um 2 oder 3 Uhr morgen früh, alles ist ungewiss. Na toll. Gut daran ist, so denke ich, dass wir somit noch ausreichend Zeit haben für unseren Bortscht-contest. Wir laden die Franzosen mit ein und kurz vor Zehn sitzen und stehen 23 Personen auf der LUNA und kosten die Suppen. Der Smutje von PETR 1 hat einen richtigen Bortscht gemacht, wir haben uns an einem etwas exotischen Rezept mit Orange und Meerrettich versucht. Auch lecker, aber fleischlos, das kommt nicht gut an… Ich muss zugeben, dass das russische Original köstlich ist und klar gewinnt!

glückliche Gewinner

Mitten in unsere kleiner Party platzen die russischen Behörden. Schnell verschwinden alle von Bord der LUNA. Elena hält noch eine kleine Rede und erklärt uns zu den Gewinnern der Regatta. Dann wird es wieder erst und wir schwitzen mit Zoll und Emigration über den Papieren. Formulare werden ausgefüllt, Kopien gefertigt, gestempelt, telefoniert, Fragen über Fragen, Erklärungen, lange Gesichter. Ein großes Problem ist, dass Reinhard bei der Einreise in St. Petersburg Schiffsführer war und nun jemand anderes ausreisen will. Dass Ein- und Ausreise müssen von derselben Person gemacht werden müssen war selbst den RUSARC Leuten nicht bekannt. Es gab anscheinend auch in St. Petersburg Probleme bei der Ausreise der polnischen Yachten. Dan bewahrt Ruhe, redet, verhandelt und irgendwann werden die letzten Stempel auf das Abfertigungspapier geetzt. Geschafft! Der Rest klappt wieder reibungslos. Die militärische Übung wurde unterbrochen, wir können fahren. Diesmal ohne Lotsen. Um 23:52 gehen die Behörden von Bord. Uns wird nochmals unmissverständlich mitgeteilt, dass wird sofort abfahren müssen. Uli gibt Kommandos, ich umarme Dan und Elena noch schnell zum Abschied und um 5 Minuten vor 12 werfen wir die Leinen los. Alle winken, alles geht auf einmal so schnell! Russland ade, wir sind wieder unterwegs… Mit 7 kn eilen wir dem Meer entgegen.

Am Ausgang der Bucht setzen wir Segel. Es ist kein besonders schöner Segeltag, aber es ist mein letzter also genieße ich ihn trotzdem. Der Wind kommt mal kräftig, mal gar nicht aus allen Richtungen. Es regnet, es schaukelt und alle leiden irgendwie. Am Abend klart es endlich auf und Norwegen begrüßt uns mit etwas Sonne. Als wir Vardö erreichen leuchten in der untergehenden Sonne die Holzhäuser am Ufer in warmen bunten Farben.

Ansteuerung Vardö

Astrid

3 thoughts on “Murmansk

  1. Hello,
    I’m Sylvie, the french doctor of Coriolis.
    It was a pleasure to meet all the crew of Luna in Murmansk. Tasting the 2 borsht was a great and sympathic moment, thank you so much. Russians didn’t give the autorization for the N-E route so I have prefered to go back in France by plane, because the owner of Coriolis wanted to sail toward Canada, hoping go through the N-W route to reach Bering detroit this year. So crazy!!!
    I hope for Luna many, many new extraordinary trips.
    Best regards, cheers,
    Sylvie

    • Hi Sylvie,
      I’m sorry for you, refuse of autorization must have been hard for all of you.
      I enjoyed meeting the crew of Coriolis and to hear about your project. You all were so dedicated and enthusiastic! Hopefully the trip, wheatever route it will be, will turn out successfully. But, honestly, the idea to go through NW-passage this year seems to be really crazy. Espeially with a fiberglass yacht…

      Luna is doing well. I’m back at work, but my mind partly still is onboard her. Our trips not necessarily have to be extraordinary, but we don’t mind taking chances if possible.
      best regards,
      Astrid

  2. I’ve got a video of your departure from murmansk on my Iphone, will send it as soon as possible, as well as pics taken from Luna’s mast :)
    Coriolis arrived safely in Nuuk, Greenland last week and is now on its way to the north-west passage, we’ve been told there’s much less ice than during the previous years, and we confirmed that the radar could see small growlers on arriving to Greenland. Magical moments with orquas, whales, dolphins, and even a boreal aurora !
    Visit my website if you wanna see pics of Coriolis at sea !